Institut für Geschichte der Medizin

Forschung

Thomas de Keyser Anatomielektionen
Laufende Projekte:

INSIGHT. Signaturen des Blicks – Facetten des Sehens

Das Gemeinschaftsprojekt führt die bisher unverbundenen kunst- und humanwissenschaftlichen Sammlungen der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (Medizinhistorische Sammlungen, Martin-von-Wagner-Museum, Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie, Forschungsstelle Historische Bildmedien) unter einer gemeinsamen Forschungsfrage zusammen: INSIGHT untersucht, welche Bedeutungen der Blick und das Sehen in Praxisfeldern und Forschungskontexten der antragstellenden Sammlungen haben und macht so die Prozesse des Sehens selbstreflexiv zum Gegenstand gemeinsamer Sammlungsforschung.  Den Signaturen, der Darstellung und der Reflexion des eigenen und des fremden Blicks und die mit ihm verbundenen Facetten des Sehens kommt von der Antike bis in die Gegenwart eine große Bedeutung zu. Blick und Sehen sind ein zentraler Zugang des Menschen zu Welt. Sie erfassen menschliche Selbst-, Welt- und Sozialverhältnisse in konstitutiver Weise. Der Blick und das Sehen sind dabei nicht nur Erkenntnismodelle, sondern vor allem Handlungsmodelle. Die Sammlungsobjekte als Handlungsmodell zu untersuchen, die durch Erziehung, durch soziokulturelle Praktik, historische Kontingenzen, spezifische Technologien und Professionsverständnisse bedingt und figuriert sind ist das zentrale Forschungsziel von INSIGHT.

Projektleiterin am Institut für Geschichte der Medizin: PD Dr. Karen Nolte

Projektbearbeiter/inn/en:

Projekt: "Sammlungsmanagement": Monika Weber, M.A.

Projekt: "Ethik des Blicks – Professionalisierte Blicke": N.N.

Weitere Informationen unter INSIGHT und einBlick "Facetten des Sehens"

Kontakt: karen.nolte@uni-wuerzburg.de

Opera Camerarii. Eine semantische Datenbank der gedruckten Werke von Joachim Camerarius d.Ä. (1500-1574)

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft ab 1.1.2017 für drei Jahre geförderte Projekt erschließt die gedruckten Werke von Joachim Camerarius d. Ä. (1500-1574), der als der "hervorragendste deutsche Philologe des 16. Jahrhunderts" nach Erasmus von Rotterdam gilt (Friedrich Stählin). Die Antragsteller (Prof. Dr. Thomas Baier, Lehrstuhl für Klassische Philologie II – Latinistik, Prof. Dr. Joachim Hamm, Professur für deutsche Philologie, insb. Literaturgeschichte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, und Dr. Ulrich Schlegelmilch, Institut für Geschichte der Medizin / Akademieprojekt Frühneuzeitliche Ärztebriefe) verfolgen das Ziel, erstmals einen vollständigen Überblick über das umfangreiche und vielfältige Oeuvre des Camerarius zu gewinnen und die Entstehungskontexte und Funktionen seiner Werke sichtbar zu machen. Trotz der unumstrittenen Bedeutung des Camerarius beschränkt sich die Forschung zu seinen Schriften in griechischer und lateinischer Sprache auf punktuelle Untersuchungen. Eine angemessene Gesamtbewertung wird bislang dadurch behindert, dass das Werk des Camerarius in seinem tatsächlichen Umfang nicht bekannt ist, geschweige denn vollständig inventarisiert, ediert oder hinreichend erforscht wäre. Deshalb ist eine grundständige Erfassung und Erschließung seiner Werke dringend erforderlich. Unter "Werk" wird dabei jeder von Camerarius verfasste (auch unselbständig überlieferte) Text verstanden, einschließlich seiner Kommentare und Übersetzungen. Hinzu treten die von ihm herausgegebenen Texte antiker Autoren; sie gewinnen durch ihre paratextuelle Ausstattung Werkcharakter. Auch der Briefwechsel fällt unter diesen Werkbegriff. Aus pragmatischen Gründen wird die handschriftliche Überlieferung nur insoweit berücksichtigt, als es zu ihr eine gedruckte Parallelüberlieferung gibt.

Projektbearbeiter am Institut für Geschichte der Medizin: Manuel Huth

Weitere Informationen unter Opera Camerarii und Wiki für einen Universalgelehrten

Kontakt: camerarius@uni-wuerzburg

Veröffentlichungen:

Der beleibte Mensch: Medizinische Konzepte, Bilder und Metaphern von 1500 bis 1900

In dem Forschungsprojekt sollen für die Zeit zwischen 1500 und 1900 die langfristigen Veränderungen in den Konzepten, Bildern und Metaphern untersucht werden, die in Medizin und Laienwelt der Beschreibung, Deutung und Bewertung von exzessiver Leibesfülle zugrunde lagen. Als Ausgangsbefund dient die Beobachtung, dass starke Beleibtheit in der gelehrten Medizin bereits seit dem ausgehenden Mittelalter als große Gesundheitsgefahr galt, sich aber die Bilder von der Beleibtheit, die Vorstellungen über ihre Ursachen und Gefahren und die oftmals wertenden Begriffe und Metaphern, mit denen sie beschrieben wurde, über die Jahrhunderte tief greifend wandelten. Diese Veränderungen, so die Arbeitshypothese, spiegelten zum einen den Aufstieg neuer medizinischer Theorien vom menschlichen Körper und seinen Krankheiten, insbesondere die allmähliche Verlagerung vom humoral geprägten Körper (in dem Fett als fäulnisanfälliges innerliches Exkrement galt) zum soliden, festen, nach außen klar abgegrenzten Körper. Zum anderen brachten sie einen langfristigen Wandel in der ästhetischen (z. B. Schlankheitsideale), moralischen (z. B. Völlerei als Todsünde) und sozialen (z. B. der Bauch als Zeichen von Wohlstand) Bewertung von Beleibtheit in der zeitgenössischen Kultur und Gesellschaft insgesamt zum Ausdruck. Anhand eines breit gestreuten Korpus von wissenschaftlichen und populärmedizinischen Schriften soll das Wechselspiel von medizinischen Konzepten und gesellschaftlichen Normen im Zeitverlauf nachgezeichnet werden. Ergänzend hierzu soll den Bildern und Metaphern nachgegangen werden, derer sich nicht-medizinische Texte im Zusammenhang mit übermäßiger Beleibtheit bedienten und auf die sie metaphorisch zurückgriffen. Auf diese Weise soll ein umfassendes Bild von der Wahrnehmung und Bewertung der übermäßigen Beleibtheit in Medizin und Gesellschaft und ihres Wandels im Zeitverlauf entstehen.

Projektbearbeiter: Dr. Alexander Pyrges

Veröffentlichungen:

Frühneuzeitliche Ärztebriefe (Bayerische Akademie der Wissenschaften)

In diesem Projekt werden die zahlreichen Briefe frühneuzeitlicher Ärzte aus dem deutschsprachigen Raum erschlossen, die in vielen deutschen und ausländischen Bibliotheken und Archiven überliefert, bislang aber nur bruchstückhaft erfasst, geschweige denn systematisch untersucht wurden. Für eine Zeit, in der es noch keine Fachzeitschriften gab, sind diese Briefe von hohem medizin- und wissenschaftshistorischen Interesse. Sie spiegeln die Kommunikation und Rezeption neuer Theorien und Entdeckungen. Sie bergen aber zugleich auch vielfältige Aufschlüsse über die geistige und religiöse Welt, den beruflichen Alltag und die sonstigen privaten Verhältnisse der gebildeten Schichten jener Zeit insgesamt. Die Briefe sollen der internationalen Forschung über Regesten und, wo möglich, auch als digitale Reproduktionen der Originale mit Hilfe einer über das Internet zugänglichen Datenbank verfügbar gemacht werden.

Leitung:
Prof. Dr. med. Dr. phil. Michael Stolberg
Offizielle Webpräsenz zum Projekt Ärztebriefe

Betreuung:
Kommission für Wissenschaftsgeschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (http://www.badw.de/orga/arbeitsgruppen/k_43_wigesch/index.html).

Geplante Laufzeit: 1.1.2009 bis 31.12.2023.

Veröffentlichungen:

Ärztliche Praxis und medizinisches Weltbild um 1650: Johannes Magirus (1615-1697)

Gegenstand des Vorhabens ist die exemplarische Analyse ärztlicher Praxis im 17. Jahrhundert, wobei "Praxis" sowohl im Sinne einer konkreten, geographisch verorteten Arztpraxis mit ihrer Klientel als auch im Sinne des theoriegeleiteten Handelns eines Arztes am Krankenbett verstanden werden soll. Grundlage ist ein außergewöhnliches Quellenkorpus aus dem Nachlaß eines damals wie heute weitgehend unbekannten Arztes im 17. Jahrhundert, Johannes Magirus (1615-1697). Ein ausführliches Praxisjournal, das Magirus in den Jahren 1647 bis 1655 zunächst vermutlich in Berlin und dann in Zerbst führte, verzeichnet die einzelnen Patienten und deren Beschwerden, die verordnete Behandlung, die Krankheitsverläufe und teilweise auch das Honorar und gewährt so vielfältige Einblicke in den Praxisalltag eines gewöhnlichen damaligen Arztes. Dieses quantitativ und qualitativ auszuwertende Journal wird ergänzt durch eine Reihe von Quellen, die vielfältige Aufschlüsse über Magirus’ medizinische Auffassungen und deren Hintergründe eröffnen und es ermöglichen, deren Bedeutung für die alltägliche Praxis wiederum anhand des Journals zu überprüfen. Zu nennen sind insbesondere eine umfangreiche Handschrift mit medizinischen loci communes, also thematisch geordneten Exzerpten, ein handschriftliches Verzeichnis der Bücher, die sich bei Magirus’ Tod in seinem Besitz befanden – darunter auch fast alle Titel, die seinen loci communes zugrunde lagen – sowie ein Teil dieser Bücher selbst, die noch Magirus’ Unterstreichungen und Randnotizen tragen; hinzu kommen einige kleinere Handschriften und Briefe sowie Magirus’ Veröffentlichungen, vor allem Kalender medizinisch-astrologischen Inhalts. Gegründet auf dieses Quellenensemble sollen die Klientel und die alltägliche Arbeit eines damaligen Arztes ebenso wie seine medizinischen Vorstellungen und deren konkrete, praktische Anwendung am Krankenbett in einer für den damaligen deutschen Sprachraum bislang unerreichten Dichte und Differenziertheit rekonstruiert werden.

Projektleiter:
Prof. Dr. med. Dr. phil. Michael Stolberg

Bearbeitung: Dr. Sabine Schlegelmilch

Offizielle Webpräsenz zum Projekt Magirus

Veröffentlichungen:

Dieses Projekt ist Teil des von der DFG geförderten Forschungsverbunds "Ärztliche Praxis (17.-19. Jahrhundert)"
(Sprecher: Prof. Dr. med. Dr. phil. Michael Stolberg)
http://www.medizingeschichte.uni-wuerzburg.de/aerztliche_praxis/index.html

(abgeschlossen)

Forschergruppe Klostermedizin

www.klostermedizin.de

Ambulante ärztliche Krankenversorgung um 1800 – "Krankenbesuchs-Anstalten" der Universitäten Würzburg und Göttingen

Teilprojekt des Paketantrags "Ärztliche Praxis (17. – 19. Jahrhundert)" Das geplante Projekt soll die bislang kaum erforschte ärztliche Praxis in den um 1800 an vielen deutschen Universitäten gegründeten "Krankenbesuchs-Anstalten" – zeitgenössisch auch Polikliniken genannt – untersuchen, in welchen Ärzte und Medizinstudenten in erster Linie Kranke unterer Gesellschaftsschichten in ihrem häuslichen Umfeld behandelt haben. Grundlage dieser Studie ist eine einzigartige Sammlung von rund 800 handschriftlichen Krankengeschichten, die Conrad Heinrich Fuchs (1803-1855), Professor in Würzburg und später in Göttingen, zu Lehr- und Forschungszwecken angelegt hat. Diese zeitnah handschriftlich dokumentierten Begegnungen mit Kranken erlauben einen differenzierten Einblick in ärztliches Handeln und Interaktionen zwischen Medizinern und Patienten in der häuslichen medizinischen Versorgung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zudem ermöglichen die handschriftlichen Krankengeschichten eine Annäherung an den Alltag der klinischen und praktischen Ausbildung von Ärzten in dieser Zeit. Des Weiteren lässt sich aus den Krankengeschichten und den Fachpublikationen der in den "Krankenbesuchs-Anstalten" praktizierenden Ärzte herausarbeiten, in welcher Weise die alltägliche Praxis die medizinische Theorie und ihre Weiterentwicklung beeinflusste.

Projektleitung: PD Dr. Karen Nolte

Bearbeitung: Dr. Stephanie Neuner (stephanie.neuner@uni-wuerzburg.de)

Dieses Projekt ist Teil des von der DFG geförderten Forschungsverbunds "Ärztliche Praxis (17.-19. Jahrhundert)"
(Sprecher: Prof. Dr. med. Dr. phil. Michael Stolberg)
http://www.medizingeschichte.uni-wuerzburg.de/aerztliche_praxis/index.html

(abgeschlossen)

Wissenschaftliches Netzwerk: „Praxeologien des Körpers“ gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)

Das Netzwerk hat sich zum Ziel gesetzt auszuloten, inwieweit eine als „praxeologisch“ bezeichnete Perspektive einen innovativen Forschungsbeitrag zum Thema Körper leisten kann. Praxistheorien erscheinen hierfür besonders geeignet, da sie gängige Dichotomien in der Debatte über den Körper, allen voran die von „Natur“ und „Kultur“, zu überwinden versprechen. Praxeologische Perspektiven konzentrieren sich auf Handlungsvollzüge, in denen natürliche und kulturelle, individuelle und gesellschaftliche Dimensionen immer schon ineinander verwoben sind. Dabei rekurrieren sie auf vielfältige disziplinäre Zugänge, wie soziologische, philosophische und kulturwissenschaftliche Handlungstheorien oder Konzepte der Alltagsgeschichte, die in der Regel nicht in Beziehung zueinander gesetzt werden. Deshalb ist gerade der interdisziplinäre Dialog hilfreich, um Grenzen und Leerstellen der jeweiligen Zugänge ausfindig zu machen und produktiv zu wenden. Die Arbeit des Netzwerkes besteht darin, die Vielfalt an Theoriebezügen zu bündeln, zu systematisieren und entlang praxeologischer Grundannahmen im Sinne eines interdisziplinären Forschungsprogramms weiter zu entwickeln.

Zusammensetzung der Arbeitsgruppe:

Dr. Bettina Brockmeyer, Bielefeld (Geschichte)
Dr. Karin Klenke, Göttingen (Ethnologie)
Prof. Dr. Susanne Lettow, Berlin (Philosophie)
Dr. Ulrike Manz, Frankfurt a.M. (Soziologie)
PD Dr. Karen Nolte, Würzburg (Geschichte der Medizin)
Dr. Heike Raab, M.A., Innsbruck (Politikwissenschaft, disability studies)
Malaika Rödel, M.A., Frankfurt a.M. (Soziologie)
Dr. Eva Sänger, Frankfurt (Soziologie)
Dr. Uta Schirmer, Göttingen (Soziologie)
Prof. Dr. Sigridur Thorgeirsdottir, Reykjavik, Island (Philosophie)
Dr. des. Karen Wagels, Bielefeld (Soziologie)
Mica Wirtz, M.A., Hamburg (Soziologie, Bewegungswissenschaft)

Sprecherinnen:

Dr. Ulrike Manz
E-Mail: u.manz@soz.uni-frankfurt.de

und

PD Dr. Karen Nolte
E-Mail: karen.nolte@uni-wuerzburg.de

(abgeschlossen)

DFG-Projekt „Geschichte der Palliativmedizin“

Die Bedeutung einer guten palliativmedizinischen Versorgung unheilbarer und sterbender Kranker hat in den letzten 25 Jahren in Medizin und Öffentlichkeit wachsende Anerkennung gefunden. Weltweit sind Hunderte von Hospizen, Palliativstationen und ambulanten palliativmedizinischen Diensten entstanden. Zahlreiche Fachgesellschaften und Hospizvereine, mehr als ein Dutzend Fachjournale und nicht zuletzt die WHO und nationale Gesundheitsministerien treiben die Entwicklung weiter voran. Doch die Geschichte der Palliativmedizin reicht viel weiter zurück. Alltäglich mußten auch Ärzte in früheren Jahrhunderten erleben, wie sich Schwindsüchtige, Wassersüchtige oder Krebskranke tagelang und wochenlang in schwersten Schmerzen wanden oder nach Luft ringend elend zu Grunde gingen. Und sie suchten nach Mitteln und Wegen, diese Leiden durch „Palliation“, wie man auch um 1600 schon sagte, mit medikamentösen, chirurgischen und pflegerischen Mitteln zu lindern.

Vor diesem Hintergrund soll das Vorhaben die wechselhafte Geschichte der Palliativmedizin vom ausgehenden 16. Jahrhundert bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts in einer langfristigen, diachron und synchron vergleichenden historischen Perspektive untersuchen. Diese Untersuchung soll sich auf drei miteinander verknüpften Ebenen bewegen:

1. Es soll im historischen Wandel untersucht werden, wie Ärzte, Pflegekräfte und Laien die Notwendigkeit einer palliativmedizinischen Betreuung einschätzten und begründeten, auch im Blick auf konkurrierende, beispielsweise betont interventionistische oder pastoral-religiöse Sichtweisen. Systematisch soll dabei der jeweilige medizinische, demographische, kulturelle und religöse Kontext einbezogen und nach epochenspezifischen ebenso wie nach regionalen und nationalen Unterschieden gefragt werden, etwa im gesellschaftlichen Umgang mit Sterben und Tod oder in der Bewertung von Schmerz und Schmerzstillung.

2. Es soll konkret untersucht werden, welche praktische Bedeutung Ärzte und Pflegekräfte der „Palliation“ im Umgang mit dem Leiden Unheilbarer und Sterbender zu unterschiedlichen Zeiten zumaßen, welcher Medikamente und chirurgischer Verfahren sie sich bedienten, wie sie deren Einsatz im Rahmen der zeitgenössischen Körper- und Krankheitskonzepte begründeten, welche Bedeutung sie seelischen und sozialen Faktoren zusprachen, wie sie auf Innovationen wie Chloroform und Anästhesie reagierten, und wie sich demographische und epidemiologische Veränderungen (z. B. Rückgang der Tuberkulose, Alterung der Gesellschaft, AIDS) auf die palliativmedizinische Praxis auswirkten.

3. Es soll die Geschichte der palliativmedizinischen Behandlung in den Institutionen der Gesundheitsversorgung verfolgt werden, insbesondere in Hospitälern, Krankenhäusern, Häusern für Unheilbare und vergleichbaren Einrichtungen, und untersucht werden, wie sich die jeweilige institutionelle Verortung auf die palliativmedizinische Praxis auswirkte.

Geographisch soll sich die Untersuchung auf den deutschsprachigen Raum konzentrieren, wo die Palliativmedizin bis ins 19. Jahrhundert intensiver diskutiert wurde als andernorts. Sie soll aber auch vergleichend die Verhältnisse in Frankreich, England, den Niederlanden, Italien und Spanien in den Blick nehmen.

Bearbeitung: Hannes Langriegerund Katrin Max

Veröffentlichungen:

Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft

(abgeschlossen)

DFG-Projekt „Ärztliche Autorität in der Frühen Neuzeit“

Gegenstand des Vorhabens ist die Untersuchung der Konstruktion, Behauptung und Anfechtung ärztlicher Autorität und ärztlicher Geltungsansprüche in der Medizin des deutschsprachigen Raums im 16. und 17. Jahrhundert. Es ist hervorgegangen aus einem Forschungsprojekt von Prof. Dr. med. Dr. phil. Michael Stolberg zu Pluralisierung und Autorität in der frühneuzeitlichen Medizin im Rahmen des Münchener Sonderforschungsbereichs 573. Als heuristischer Ausgangspunkt dient die Feststellung, daß sich der individuelle „Ruf“ und die kollektive Autorität von Ärzten damals kaum auf eine „objektive“, unübersehbare Überlegenheit ihrer - heute weitgehend für obsolet erachteten - Theorien und Praktiken gründen konnten. Sie sind vielmehr primär als Ergebnisse sozialer Interaktionen und Prozesse zu verstehen, im Wechselspiel von Selbstdarstellung und Außenwahrnehmung durch Kollegen und Laien. Vor diesem Hintergrund sollen anhand ärztlicher Briefwechsel und wissenschaftlicher Veröffentlichungen die Strategien und Erfolge ärztlicher Selbstdarstellung verfolgt und die Maßstäbe geklärt werden, nach denen einzelnen Ärzten und ihren Werken oder Theorien ein autoritativer Status zugebilligt oder abgesprochen wurde. In einem prosopographischen Ansatz sollen parallel dazu die unterschiedlichen Lebens- und Karrierewege damaliger Ärzte erschlossen und die Bestimmungsfaktoren identifiziert werden, die über den Berufserfolg entschieden. Und unter nachdrücklicher Einbeziehung der Laienperspektive soll schließlich nach der alltagspraktischen Akzeptanz ärztlicher Autorität und ärztlichen Wissens in der Bevölkerung gefragt werden, nach den Strategien, mit deren Hilfe sich die Ärzte gegen konkurrierende Heiler durchzusetzen suchten, und nach den Widerständen, auf die sie stießen.

Bearbeitung: Tilmann Walter

Veröffentlichungen:

Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft

(abgeschlossen)

Thyssen-Forschungsprojekt „Wege zu einer Alltagsgeschichte der medizinischen Ethik. Der Umgang mit Schwerkranken 1500-1900.“

Die Geschichte der medizinischen Ethik hat in den vergangenen Jahren viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Darin spiegelt sich nicht zuletzt das Bewußtsein der kulturellen Kontingenz und historischen Verwurzelung der verschiedenen ethischen Grundpositionen, welche die gegenwärtigen Ethikdebatten bestimmen. Für die Zeit vor 1900 beschränkt sich die Forschung bisher freilich fast ausschließlich auf die Analyse gelehrter Schriften vor allem zur ärztlichen Pflichtenlehre. Normative, deontologische Schriften eröffnen jedoch kaum Aufschluß darüber, wie Ärzte und andere Heilkundige früherer Jahrhunderte in ihrem Alltag tatsächlich mit ethischen Fragen und Wertekonflikten umgingen. Nur in der Anwendung am Krankenbett gibt sich die konkrete, praktische Bedeutung und Wirkkraft jener theoretischen, normativen Positionen zu erkennen, die im ethisch-deontologischen Schrifttum formuliert wurden. Nur hier wird im Falle widersprüchlicher Positionen greifbar, welche Auffassungen im lebensweltlichen Umgang mit einem ethischen Dilemma vorherrschten und das Handeln der Beteiligten bestimmten. Eine Alltagsgeschichte medizinethischer Praxis ist daher ein dringendes Desiderat.

Es ist ein maßgebliches Anliegen des beantragten Forschungsvorhabens, Wege zu einer solchen Alltagsgeschichte der medizinischen Ethik an einem zentralen medizinethischen Problembereich exemplarisch aufzuzeigen, der Geschichte des handelnden Umgangs mit Schwerkranken und Sterbenden. Die Fokussierung auf die alltägliche Praxis soll dabei, in Anknüpfung an die jüngere „Patientengeschichte“, mit dem Versuch verbunden werden, ethische Konfliktsituationen so weit wie möglich auch aus der Perspektive der Kranken und Angehörigen heraus zu begreifen und ihre Einstellungen und Erfahrungen jenen der Ärzte an die Seite zu stellen und mit ihnen zu kontrastieren. Als Quellen sollen in erster Linie Patientenbriefe und Autobiographien von Laien sowie erfahrungs- und praxisnahe Texte (Fallgeschichten etc.) aus der Feder von Ärzten und Pflegenden aus dem deutschsprachigen und niederländischen Raum dienen.

Bearbeitung: Karen Nolte

Veröffentlichungen:

Gefördert von der Fritz-Thyssen-Stiftung

(abgeschlossen)

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