Forschung
In diesem Projekt werden die zahlreichen Briefe frühneuzeitlicher
Ärzte aus dem deutschsprachigen Raum erschlossen, die in vielen
deutschen und ausländischen Bibliotheken und Archiven überliefert,
bislang aber nur bruchstückhaft erfasst, geschweige denn systematisch
untersucht wurden. Für eine Zeit, in der es noch keine Fachzeitschriften
gab, sind diese Briefe von hohem medizin- und wissenschaftshistorischen
Interesse. Sie spiegeln die Kommunikation und Rezeption neuer Theorien
und Entdeckungen. Sie bergen aber zugleich auch vielfältige Aufschlüsse
über die geistige und religiöse Welt, den beruflichen Alltag und die
sonstigen privaten Verhältnisse der gebildeten Schichten jener Zeit
insgesamt. Die Briefe sollen der internationalen Forschung über Regesten
und, wo möglich, auch als digitale Reproduktionen der Originale mit
Hilfe einer über das Internet zugänglichen Datenbank verfügbar gemacht
werden.
Leitung:
Prof. Dr. med. Dr. phil. Michael Stolberg
Offizielle
Webpräsenz zum Projekt Ärztebriefe
Betreuung:
Kommission für Wissenschaftsgeschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften
(http://www.badw.de/orga/arbeitsgruppen/k_43_wigesch/index.html).
Geplante Laufzeit: 1.1.2009 bis 31.12.2023.
Veröffentlichungen:
- Walter, Tilmann: "Sozialisation und Lebenszyklus in der Biographie des Arztes Felix Platter (1536-1617)", [Aufsatz, im Erscheinen].
- Walter, Tilmann: Eine Reise ins (Un-)Bekannte. Grenzräume des Wissens bei Leonhard Rauwolf (1535?-1596) , in: NTM. Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin 17 (2009), S. 359-385.
- Walter, Tilmann und Simone Herde: "Neues zur Biographie des Augsburger Arztes und Orientreisenden Leonhard Rauwolf (1535?-1596)", in: Sudhoffs Archiv 94 (2010), S. 129-156.
Gegenstand des Vorhabens ist die exemplarische Analyse ärztlicher
Praxis im 17. Jahrhundert, wobei "Praxis" sowohl im Sinne einer
konkreten, geographisch verorteten Arztpraxis mit ihrer Klientel als
auch im Sinne des theoriegeleiteten Handelns eines Arztes am
Krankenbett verstanden werden soll. Grundlage ist ein
außergewöhnliches Quellenkorpus aus dem Nachlaß eines damals wie heute
weitgehend unbekannten Arztes im 17. Jahrhundert, Johannes Magirus
(1615-1697). Ein ausführliches Praxisjournal, das Magirus in den
Jahren 1647 bis 1655 zunächst vermutlich in Berlin und dann in Zerbst
führte, verzeichnet die einzelnen Patienten und deren Beschwerden, die
verordnete Behandlung, die Krankheitsverläufe und teilweise auch das
Honorar und gewährt so vielfältige Einblicke in den Praxisalltag eines
gewöhnlichen damaligen Arztes. Dieses quantitativ und qualitativ
auszuwertende Journal wird ergänzt durch eine Reihe von Quellen, die
vielfältige Aufschlüsse über Magirus’ medizinische Auffassungen und
deren Hintergründe eröffnen und es ermöglichen, deren Bedeutung für
die alltägliche Praxis wiederum anhand des Journals zu überprüfen. Zu
nennen sind insbesondere eine umfangreiche Handschrift mit
medizinischen loci communes, also thematisch geordneten Exzerpten, ein
handschriftliches Verzeichnis der Bücher, die sich bei Magirus’ Tod
in seinem Besitz befanden – darunter auch fast alle Titel, die seinen
loci communes zugrunde lagen – sowie ein Teil dieser Bücher selbst,
die noch Magirus’ Unterstreichungen und Randnotizen tragen; hinzu
kommen einige kleinere Handschriften und Briefe sowie Magirus’
Veröffentlichungen, vor allem Kalender medizinisch-astrologischen
Inhalts. Gegründet auf dieses Quellenensemble sollen die Klientel und
die alltägliche Arbeit eines damaligen Arztes ebenso wie seine
medizinischen Vorstellungen und deren konkrete, praktische Anwendung
am Krankenbett in einer für den damaligen deutschen Sprachraum bislang
unerreichten Dichte und Differenziertheit rekonstruiert werden.
Projektleiter:
Prof. Dr. med. Dr. phil. Michael Stolberg
Bearbeitung: Dr. Sabine Schlegelmilch
Offizielle
Webpräsenz zum Projekt Magirus
Veröffentlichung:
- Schlegelmilch, Sabine: Johannes Magirus: Stadtarzt in Zerbst (1651-1656), in: Mitteilungen des Vereins für Anhaltische Geschichte 20 (2011) 9-30.
- Schilling, Ruth / Schlegelmilch, Sabine / Splinter, Susan: Stadtarzt oder Arzt in der Stadt? Drei Ärzte der Frühen Neuzeit und ihr Verständnis des städtischen Amtes, in: Medizinhistorisches Journal 46 (2/2011) 99-133.
- Schlegelmilch, Sabine: Vom Nutzen des Nebensächlichen. Paratexte in den Kalendern des Johannes Magirus. Erscheint 2012 im Sammelband zur Tagung ?Schreibkalender der Frühen Neuzeit im Spiegel der Altenburger Kalendersammlung? (Altenburg, 06.-08.10.2011).
Dieses Projekt ist Teil des von der DFG geförderten Forschungsverbunds "Ärztliche Praxis
(17.-19. Jahrhundert)"
(Sprecher: Prof. Dr. med. Dr. phil. Michael Stolberg)
http://www.medizingeschichte.uni-wuerzburg.de/aerztliche_praxis/index.html
Teilprojekt des Paketantrags "Ärztliche Praxis (17. –
19. Jahrhundert)" Das geplante Projekt soll die bislang kaum
erforschte ärztliche Praxis in den um 1800 an vielen deutschen
Universitäten gegründeten "Krankenbesuchs-Anstalten" – zeitgenössisch
auch Polikliniken genannt – untersuchen, in welchen Ärzte und
Medizinstudenten in erster Linie Kranke unterer Gesellschaftsschichten
in ihrem häuslichen Umfeld behandelt haben. Grundlage dieser Studie
ist eine einzigartige Sammlung von rund 800 handschriftlichen
Krankengeschichten, die Conrad Heinrich Fuchs (1803-1855), Professor
in Würzburg und später in Göttingen, zu Lehr- und Forschungszwecken
angelegt hat. Diese zeitnah handschriftlich dokumentierten Begegnungen
mit Kranken erlauben einen differenzierten Einblick in ärztliches
Handeln und Interaktionen zwischen Medizinern und Patienten in der
häuslichen medizinischen Versorgung in der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts. Zudem ermöglichen die handschriftlichen
Krankengeschichten eine Annäherung an den Alltag der klinischen und
praktischen Ausbildung von Ärzten in dieser Zeit. Des Weiteren lässt
sich aus den Krankengeschichten und den Fachpublikationen der in den
"Krankenbesuchs-Anstalten" praktizierenden Ärzte herausarbeiten, in
welcher Weise die alltägliche Praxis die medizinische Theorie und ihre
Weiterentwicklung beeinflusste.
Projektleitung: PD Dr. Karen Nolte
Bearbeitung: Dr. Stephanie Neuner (stephanie.neuner@uni-wuerzburg.de)
Dieses Projekt ist Teil des von der DFG geförderten Forschungsverbunds "Ärztliche Praxis
(17.-19. Jahrhundert)"
(Sprecher: Prof. Dr. med. Dr. phil. Michael Stolberg)
http://www.medizingeschichte.uni-wuerzburg.de/aerztliche_praxis/index.html
Das Netzwerk hat sich zum Ziel gesetzt auszuloten, inwieweit eine als „praxeologisch“ bezeichnete
Perspektive einen innovativen Forschungsbeitrag zum Thema Körper leisten kann. Praxistheorien erscheinen
hierfür besonders geeignet, da sie gängige Dichotomien in der Debatte über den Körper, allen voran die
von „Natur“ und „Kultur“, zu überwinden versprechen. Praxeologische Perspektiven konzentrieren sich auf
Handlungsvollzüge, in denen natürliche und kulturelle, individuelle und gesellschaftliche Dimensionen
immer schon ineinander verwoben sind. Dabei rekurrieren sie auf vielfältige disziplinäre Zugänge, wie
soziologische, philosophische und kulturwissenschaftliche Handlungstheorien oder Konzepte der
Alltagsgeschichte, die in der Regel nicht in Beziehung zueinander gesetzt werden. Deshalb ist gerade der
interdisziplinäre Dialog hilfreich, um Grenzen und Leerstellen der jeweiligen Zugänge ausfindig zu machen
und produktiv zu wenden. Die Arbeit des Netzwerkes besteht darin, die Vielfalt an Theoriebezügen zu
bündeln, zu systematisieren und entlang praxeologischer Grundannahmen im Sinne eines interdisziplinären
Forschungsprogramms weiter zu entwickeln.
Laufzeit: 1. April 2009- 31. März 2012.
Zusammensetzung der Arbeitsgruppe:
Dr. Bettina Brockmeyer, Bielefeld (Geschichte)
Dr. Karin Klenke, Göttingen (Ethnologie)
Prof. Dr. Susanne Lettow, Berlin (Philosophie)
Dr. Ulrike Manz, Frankfurt a.M. (Soziologie)
PD Dr. Karen Nolte, Würzburg (Geschichte der Medizin)
Dr. Heike Raab, M.A., Innsbruck (Politikwissenschaft, disability studies)
Malaika Rödel, M.A., Frankfurt a.M. (Soziologie)
Dr. Eva Sänger, Frankfurt (Soziologie)
Dr. Uta Schirmer, Göttingen (Soziologie)
Prof. Dr. Sigridur Thorgeirsdottir, Reykjavik, Island (Philosophie)
Dr. des. Karen Wagels, Bielefeld (Soziologie)
Mica Wirtz, M.A., Hamburg (Soziologie, Bewegungswissenschaft)
Sprecherinnen:
Dr. Ulrike Manz
E-Mail: u.manz@soz.uni-frankfurt.de
und
PD Dr. Karen Nolte
E-Mail: karen.nolte@uni-wuerzburg.de
Die Bedeutung einer guten palliativmedizinischen Versorgung
unheilbarer und sterbender Kranker hat in den letzten 25 Jahren in
Medizin und Öffentlichkeit wachsende Anerkennung gefunden. Weltweit
sind Hunderte von Hospizen, Palliativstationen und ambulanten
palliativmedizinischen Diensten entstanden. Zahlreiche
Fachgesellschaften und Hospizvereine, mehr als ein Dutzend
Fachjournale und nicht zuletzt die WHO und nationale
Gesundheitsministerien treiben die Entwicklung weiter voran. Doch die
Geschichte der Palliativmedizin reicht viel weiter zurück. Alltäglich
mußten auch Ärzte in früheren Jahrhunderten erleben, wie sich
Schwindsüchtige, Wassersüchtige oder Krebskranke tagelang und
wochenlang in schwersten Schmerzen wanden oder nach Luft ringend elend
zu Grunde gingen. Und sie suchten nach Mitteln und Wegen, diese Leiden
durch „Palliation“, wie man auch um 1600 schon sagte, mit
medikamentösen, chirurgischen und pflegerischen Mitteln zu lindern.
Vor diesem Hintergrund soll das Vorhaben die wechselhafte Geschichte
der Palliativmedizin vom ausgehenden 16. Jahrhundert bis in die 60er
Jahre des 20. Jahrhunderts in einer langfristigen, diachron und
synchron vergleichenden historischen Perspektive untersuchen. Diese
Untersuchung soll sich auf drei miteinander verknüpften Ebenen
bewegen:
1. Es soll im historischen Wandel untersucht werden, wie Ärzte,
Pflegekräfte und Laien die Notwendigkeit einer palliativmedizinischen
Betreuung einschätzten und begründeten, auch im Blick auf
konkurrierende, beispielsweise betont interventionistische oder
pastoral-religiöse Sichtweisen. Systematisch soll dabei der jeweilige
medizinische, demographische, kulturelle und religöse Kontext
einbezogen und nach epochenspezifischen ebenso wie nach regionalen und
nationalen Unterschieden gefragt werden, etwa im gesellschaftlichen
Umgang mit Sterben und Tod oder in der Bewertung von Schmerz und
Schmerzstillung.
2. Es soll konkret untersucht werden, welche praktische Bedeutung
Ärzte und Pflegekräfte der „Palliation“ im Umgang mit dem Leiden
Unheilbarer und Sterbender zu unterschiedlichen Zeiten zumaßen,
welcher Medikamente und chirurgischer Verfahren sie sich bedienten,
wie sie deren Einsatz im Rahmen der zeitgenössischen Körper- und
Krankheitskonzepte begründeten, welche Bedeutung sie seelischen und
sozialen Faktoren zusprachen, wie sie auf Innovationen wie Chloroform
und Anästhesie reagierten, und wie sich demographische und
epidemiologische Veränderungen (z. B. Rückgang der Tuberkulose,
Alterung der Gesellschaft, AIDS) auf die palliativmedizinische Praxis
auswirkten.
3. Es soll die Geschichte der palliativmedizinischen Behandlung in den
Institutionen der Gesundheitsversorgung verfolgt werden, insbesondere
in Hospitälern, Krankenhäusern, Häusern für Unheilbare und
vergleichbaren Einrichtungen, und untersucht werden, wie sich die
jeweilige institutionelle Verortung auf die palliativmedizinische
Praxis auswirkte.
Geographisch soll sich die Untersuchung auf den deutschsprachigen Raum
konzentrieren, wo die Palliativmedizin bis ins 19. Jahrhundert
intensiver diskutiert wurde als andernorts. Sie soll aber auch
vergleichend die Verhältnisse in Frankreich, England, den
Niederlanden, Italien und Spanien in den Blick nehmen.
Bearbeitung: Hannes Langriegerund Katrin Max
Veröffentlichungen:
- Katrin Max: Literarische Texte in der Medizingeschichte: Klabunds Erzählung Die Krankheit, in: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 27 (2008), S. 164–202.
- Hannes Langrieger: Ein Platz für Sterbende? – Das Unheilbarenhaus in der
vormaligen freien Reichsstadt Regensburg, in: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 27 (2008), S. 105–163.
- Hannes Langrieger: Die medizinische Versorgung Unheilbarer und Sterbender in Bamberg um 1800, in: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 29 (2010), S. 73-115.
- Michael Stolberg: „Cura palliativa“. Begriff und Diskussion der palliativen Krankheitsbehandlung in der vormodernen Medizin (ca. 1500-1850). In: Medizinhistorisches Journal 42 (2007), S. 7-29.
- Michael Stolberg: Fürsorgliche Ausgrenzung. Die Geschichte der Unheilbarenhäuser (1500-1900). In: Historia hospitalium 33 (2011) [im Druck]
- Michael Stolberg: Die Geschichte der Palliativmedizin. Medizinische Sterbebegleitung von 1500 bis heute. Frankfurt: Mabuse-Verlag [erscheint im Mai 2011]
Gefördert von der Deutschen
Forschungsgemeinschaft
(abgeschlossen)
Gegenstand des Vorhabens ist die Untersuchung der Konstruktion,
Behauptung und Anfechtung ärztlicher Autorität und ärztlicher
Geltungsansprüche in der Medizin des deutschsprachigen Raums im
16. und 17. Jahrhundert. Es ist hervorgegangen aus einem
Forschungsprojekt von
Prof. Dr. med. Dr. phil. Michael
Stolberg zu Pluralisierung und Autorität in der frühneuzeitlichen
Medizin im Rahmen des Münchener Sonderforschungsbereichs 573. Als
heuristischer Ausgangspunkt dient die Feststellung, daß sich der
individuelle „Ruf“ und die kollektive Autorität von Ärzten
damals kaum auf eine „objektive“, unübersehbare
Überlegenheit ihrer - heute weitgehend für obsolet erachteten -
Theorien und Praktiken gründen konnten. Sie sind vielmehr primär als
Ergebnisse sozialer Interaktionen und Prozesse zu verstehen, im
Wechselspiel von Selbstdarstellung und Außenwahrnehmung durch Kollegen
und Laien. Vor diesem Hintergrund sollen anhand ärztlicher
Briefwechsel und wissenschaftlicher Veröffentlichungen die Strategien
und Erfolge ärztlicher Selbstdarstellung verfolgt und die Maßstäbe
geklärt werden, nach denen einzelnen Ärzten und ihren Werken oder
Theorien ein autoritativer Status zugebilligt oder abgesprochen
wurde. In einem prosopographischen Ansatz sollen parallel dazu die
unterschiedlichen Lebens- und Karrierewege damaliger Ärzte erschlossen
und die Bestimmungsfaktoren identifiziert werden, die über den
Berufserfolg entschieden. Und unter nachdrücklicher Einbeziehung der
Laienperspektive soll schließlich nach der alltagspraktischen
Akzeptanz ärztlicher Autorität und ärztlichen Wissens in der
Bevölkerung gefragt werden, nach den Strategien, mit deren Hilfe sich
die Ärzte gegen konkurrierende Heiler durchzusetzen suchten, und nach
den Widerständen, auf die sie stießen.
Bearbeitung: Tilmann Walter
Veröffentlichungen:
- Michael Stolberg: Formen und Strategien der Autorisierung in der frühneuzeitlichen Medizin, in: Oesterreicher, Wulf/Regn, Gerhard/Schulze, Winfried (Hg.): Autorität der Form - Autorisierung - Institutionelle Autorität, Münster: LIT-Verl., 2003 (= Pluralisierung & Autorität, 1), S. 205-218.
- Michael Stolberg: Medizinische Deutungsmacht und die Grenzen ärztlicher Autorität in der Frühen Neuzeit. In: Dülmen, Richard van und Rauschenbach, Sina (Hrsg.): Macht des Wissens. Entstehung der modernen Wissensgesellschaft 1500–1820. Köln - Weimar 2004, S. 113-30.
- Walter, Tilmann: Die medizinische Republik. Ärzte in der frühen Neuzeit zwischen Bürgerlichkeit, Politik und Religion, [Monographie, in Vorbereitung].
- Walter, Tilmann: "New Light on Antiparacelsianism (c. 1570-1610)", [Aufsatz, in Vorbereitung].
- Herde, Simone / Tilmann Walter: "Neues zur Biographie von Leonhard Rauwolf (1535?-1596)", [Aufsatz, im Erscheinen].
- Walter, Tilmann: Ärztehaushalte im 16. Jahrhundert. Einkünfte, Status und Praktiken der Repräsentation , in: Medizin, Gesellschaft und Geschichte 27 (2008), S. 31-73.
- Walter, Tilmann: Paracelsuskritische Haltungen oder Antiparacelsismus ?, 1570-1630 , in: Würzburger Medizinhistorische Mitteilungen 27 (2008), S. 381-408.
Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft
(abgeschlossen)
Die Geschichte der medizinischen Ethik hat in den vergangenen Jahren
viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Darin spiegelt sich nicht
zuletzt das Bewußtsein der kulturellen Kontingenz und historischen
Verwurzelung der verschiedenen ethischen Grundpositionen, welche die
gegenwärtigen Ethikdebatten bestimmen. Für die Zeit vor 1900
beschränkt sich die Forschung bisher freilich fast ausschließlich auf
die Analyse gelehrter Schriften vor allem zur ärztlichen
Pflichtenlehre. Normative, deontologische Schriften eröffnen jedoch
kaum Aufschluß darüber, wie Ärzte und andere Heilkundige früherer
Jahrhunderte in ihrem Alltag tatsächlich mit ethischen Fragen und
Wertekonflikten umgingen. Nur in der Anwendung am Krankenbett gibt
sich die konkrete, praktische Bedeutung und Wirkkraft jener
theoretischen, normativen Positionen zu erkennen, die im
ethisch-deontologischen Schrifttum formuliert wurden. Nur hier wird im
Falle widersprüchlicher Positionen greifbar, welche Auffassungen im
lebensweltlichen Umgang mit einem ethischen Dilemma vorherrschten und
das Handeln der Beteiligten bestimmten. Eine Alltagsgeschichte
medizinethischer Praxis ist daher ein dringendes Desiderat.
Es ist ein maßgebliches Anliegen des beantragten
Forschungsvorhabens, Wege zu einer solchen Alltagsgeschichte der
medizinischen Ethik an einem zentralen medizinethischen Problembereich
exemplarisch aufzuzeigen, der Geschichte des handelnden Umgangs mit
Schwerkranken und Sterbenden. Die Fokussierung auf die alltägliche
Praxis soll dabei, in Anknüpfung an die jüngere „Patientengeschichte“,
mit dem Versuch verbunden werden, ethische Konfliktsituationen so weit
wie möglich auch aus der Perspektive der Kranken und Angehörigen
heraus zu begreifen und ihre Einstellungen und Erfahrungen jenen der
Ärzte an die Seite zu stellen und mit ihnen zu kontrastieren. Als
Quellen sollen in erster Linie Patientenbriefe und Autobiographien von
Laien sowie erfahrungs- und praxisnahe Texte (Fallgeschichten etc.)
aus der Feder von Ärzten und Pflegenden aus dem deutschsprachigen und
niederländischen Raum dienen.
Bearbeitung: Karen Nolte
Veröffentlichungen:
- Michael Stolberg: Active euthanasia in early modern
society. Learned debates and popular practices. In: Social history of
medicine 20 (2007), S. 205-221.
- Michael Stolberg, Two pioneers of active euthanasia around 1800. In: The Hastings Centre Report 38 (2008), S. 19-22
- Karen Nolte: Dying at home: nursing of the critically and terminally ill in private care in Germany around 1900, in: Nursing Inquiry 16 (2009), 2, S. 144-154.
- Karen Nolte: Ärztliche Praxis am
Sterbebett in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, erscheint im
Frühjahr 2009 in: Walter; Hofer Bruchhausen, Hans-Georg (Hg.)
Ärztlicher Ethos im Wandel, Göttingen.
- Karen Nolte: “Pflege von Leib und Seele - Krankenpflege in
Armutsvierteln des 19. Jahrhunderts”, erscheint im Frühjahr 2009 in:
Sylvelyn Hähner-Rombach (Hg.) Alltag in der Krankenpflege: Geschichte
und Gegenwart/Everyday nursing life, past and present, Stuttgart.
- Karen Nolte: Vom Verschwinden der Laienperspektive aus der
Krankengeschichte. Medizinische Fallberichte im 19. Jahrhundert. In:
Sibylle Brändli-Blumenbach/Barbara Lüthi/Gregor Spuhler (Hgg.), Arbeit
am Fall: Historische Annäherungen an ein flüchtiges Konstrukt,
Frankfurt am Main 2009 [im Erscheinen], S. 30-58.
- Karen Nolte: “'Zum Besten der Menschheit, und zur Ehre der
Kunst'. Ärztliche Autorität in Fallberichten über
Gebärmutterkrebsoperationen um 1800”, in: Nicolas Pethes/Sandra
Richter (Hgg.), Medizinische Schreibweisen. Ausdifferenzierung und
Transfer zwischen Medizin und Literatur (1600-1900), Tübingen 2008,
S. 245-64.
- Karen Nolte: Carcinoma uteri and „Sexual Debauchery“ – Morals,
Cancer, and Gender in the Nineteenth Century. In: Social History of
Medicine 21 (2008), S. 31-46.
- Karen Nolte: „Telling the painful truth” - Nurses and physicians in
the 19 th century. In: Nursing History Review 16 (2008), S. 115-34.
- Karen Nolte: Vom Umgang mit unheilbar Kranken und Sterbenden in
„Kranken-Besuchs-Anstalten“ zu Beginn des 19. Jahrhunderts. In:
Würzburger medizinhistorische Mitteilungen, 26 (2007), S. 28-52.
- Karen Nolte: Vom Umgang mit Tod und Sterben in der klinischen und
häuslichen Krankenpflege des 19. Jahrhunderts. In: Sabine Braunschweig
(Hg.) Pflege – Räume, Macht und Alltag, Zürich 2006, S. 165-74.
- Karen Nolte: Zeitalter des ärztlichen Paternalismus? – Überlegungen zu
Aufklärung und Einwilligung von Patienten im 19. Jahrhundert. In:
Medizin, Gesellschaft und Geschichte 25 (2006), S. 59-89.
Gefördert von der Fritz-Thyssen-Stiftung
(abgeschlossen)
www.klostermedizin.de