Frühneuzeitliche Ärztebriefe des deutschsprachigen Raums (1500-1700)
Arbeitsstelle der Bayerischen Akademie der Wissenschaften
In zahlreichen Bibliotheken und Archiven des In- und Auslands sind Briefe und Korrespondenzen frühneuzeitlicher Ärzte überliefert. Sie sind für die Geschichtsforschung im allgemeinen und für die Medizin- und Wissenschaftsgeschichte im besonderen von hohem Wert. Als wichtigstes Publikationsmedium für neue Erkenntnisse – es gab damals noch so gut wie keine Fachzeitschriften – erlauben Ärztebriefe es, die Entstehung und Verbreitung neuer Theorien und Praktiken und die Reaktionen auf diese zu verfolgen. Sie bergen zugleich vielfältige Aufschlüsse über die alltägliche medizinische Praxis, über berufliche Herausforderungen und Schwierigkeiten, über Auseinandersetzungen mit städtischen oder höfischen Brotgebern, über das Verhältnis zu Patienten, Mäzenen und Konkurrenten und vieles mehr. Indem sie über Tagesablauf und Haushaltsorganisation, das Verhältnis zu Ehefrauen und Kindern, die eigene Gesundheit oder auch über religiöse und politische Auseinandersetzungen berichten, eröffnen Ärztebriefe zudem wertvolle Einblicke in die Lebenswelt der zeitgenössischen Gelehrten und der bürgerlichen Schichten insgesamt.
Bislang sind frühneuzeitliche Ärztebriefe nur sehr bruchstückhaft erschlossen, geschweige denn näher untersucht worden. In einem Langzeitvorhaben der Bayerischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen des Akademienprogramms der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften sollen die verstreuten Briefe von Ärzten und an Ärzte des deutschen Sprachraums aus der Zeit zwischen 1500 und 1700 erstmals systematisch erfaßt und über eine interessierten Forschern kostenlos zugängliche Internet-Datenbank erschlossen werden. Die Briefe werden hierzu mit einer Zusammenfassung (Regest) versehen und verschlagwortet. Soweit die besitzenden Einrichtungen dem zustimmen, werden darüber hinaus auch Digitalisate des (meist lateinischen) handschriftlichen Originals zum Download ins Netz gestellt werden. Auf diese Weise wird ein stetig wachsender virtueller Gesamtbestand entstehen, der es Forschern aus dem gesamten geisteswissenschaftlichen Spektrum erlaubt, im Rahmen ihrer jeweiligen Fragestellung auch gezielt nach Briefen zu suchen und ggf. auch im Original zu konsultieren, in denen die sie interessierenden Themen, Werke, Theorien, Personen, Institutionen oder Orte zur Sprache kommen. Einzelne Briefbestände und Briefnetzwerke soll zudem im Rahmen der Projektarbeit exemplarisch genauer analysiert werden.
Das Projekt wird unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dr. phil. Michael Stolberg am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg durchgeführt und hat mit einer geplanten Laufzeit von 15 Jahren zum 1. Januar 2009 die Arbeit aufgenommen. Es wird von der neu gegründeten Kommission für Wissenschaftsgeschichte (http://www.badw.de/forschung/hist/k_43_wigesch/index.html) der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (Vorsitz: Prof. Menso Folkerts) betreut.