Frühneuzeitliche Ärztebriefe des deutschsprachigen Raums (1500-1700)

Projektidee

In zahlreichen Bibliotheken und Archiven des In- und Auslands sind handschriftliche Korrespondenzen frühneuzeitlicher Ärzte überliefert. Für die historische Forschung sind diese von überragendem Wert. Aus medizin- und wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive eröffnen ärztliche Briefwechsel ein differenziertes Bild frühneuzeitlichen ärztlichen Lebens, Denkens und Handelns. Im Briefverkehr äußerten sich Ärzte zu den aktuellen Themen und Streitfragen ihrer Disziplin und stellten eigene Auffassungen oder Funde zur Debatte. Sie urteilten über andere Autoren und deren Werke, Ideen oder Entdeckungen. In Briefen an Kranke oder deren Angehörige, in Consilia und in kasuistischen Mitteilungen an Kollegen wandten Ärzte wiederum ihre allgemeinen Theorien und Erklärungsmodelle auf den konkreten Einzelfall an. Zugleich waren Briefe an Kollegen, aber auch an andere Zeitgenossen ein unverzichtbares Instrument des "Networking", für den Aufbau von wissenschaftlichen Kontakten und Klientelbeziehungen. Briefliche Netzwerke erleichterten den Zugang zu wissenschaftlichen Neuerungen, zu Büchern, Pflanzen und anderen naturgeschichtlichen Specimina und konnten den wissenschaftlichen Status des einzelnen Arztes oder Naturforschers maßgeblich fördern. Ärztliche Briefwechsel enthalten auch vielfältige, auf anderem Wege kaum zugängliche Informationen über Standesverhältnisse und individuelle Karrierewege. Sie berichten von den alltäglichen Herausforderungen und Problemen im Umgang mit Kollegen und Konkurrenten, von dem manchmal schwierigen und spannungsgeladenen Verhältnis zu Patienten und Angehörigen, von Erfahrungen und Auseinandersetzungen mit städtischen Arbeitgebern und fürstlichen Mäzenen, von Konflikten und Kompetenzgerangel mit den handwerklich gebildeten Chirurgen und den unzähligen irregulären Heilern und erhellen vielerlei weitere Aspekte der zeitgenössischen Medikalkultur.

Über die Grenzen der Medizin- und Wissenschaftsgeschichte hinaus sind Ärztebriefe aber auch von erheblichem Interesse für vielfältige Fragestellungen der Sozial-, Kultur- und Alltagsgeschichte der Frühen Neuzeit. Die akademisch gebildeten Ärzte stellten eine wichtige und vergleichsweise homogene Gruppe im frühneuzeitlichen Stadtbürgertum dar. Sie zählten nicht selten zur intellektuellen Elite, waren maßgebliche Träger der humanistischen Kultur. Selbst Literatur-, Kunst- und MusikhistorikerInnen können hier fündig werden – etwa in Form der ältesten in einem Brief überlieferten Komposition, die sich in der Korrespondenz des Basler Arztes Felix Platter findet. Da die ärztlichen Briefwechsel manchmal auch von den verschiedensten Aspekten des Alltagslebens handelten, vom Tagesablauf, von der Haushaltsführung, von Ehefrauen und Kindern, von Einkäufen und finanziellen Transaktionen bis hin zu Krankheits- und Todesfällen, eröffnen sie zugleich wertvolle Einblicke in die frühneuzeitliche städtische (und zuweilen auch höfische) Lebenswelt insgesamt. Nicht zuletzt äußerten sich die Ärzte und ihre Korrespondenzpartner auch immer wieder über die großen Fragen der Zeit, beispielsweise zu den politischen und konfessionellen Auseinandersetzungen, oder zu besonderen Ereignissen wie Naturkatastrophen, Hexenprozessen oder wundersamen Erscheinungen.

Bislang sind frühneuzeitliche ärztliche Briefwechsel kaum systematisch erschlossen und nur ein Bruchteil ist im Druck erschienen. Vor diesem Hintergrund hat es sich das Projekt Frühneuzeitliche Ärztebriefe zum Ziel gesetzt, die zahlreich überlieferten ärztlichen Korrespondenzen aus der Zeit zwischen 1500 und 1700 systematisch zu erfassen und der historischen Forschung, möglichst auch mit ausführlichen Inhaltsangaben, über eine Datenbank zugänglich zu machen. Auf diese Weise soll ein stetig wachsender virtueller Gesamtbestand entstehen, der es Forschern aus dem gesamten geisteswissenschaftlichen Spektrum erlaubt, im Rahmen beliebiger Fragestellungen unter Zehntausenden von Briefen gezielt jene – womöglich nur sehr wenigen – Briefe zu aufzuspüren, in denen bestimmte Themen, Werke, Theorien, Personen, Institutionen oder Orte zur Sprache kommen. Aus arbeitsökonomischen Gründen beschränkt sich das Vorhaben auf Briefe von und an Ärzte aus dem (damaligen) deutschsprachigen Raum. Es steht jedoch zu hoffen, dass es in anderen Ländern und für die nachfolgenden Zeiträume mit ihrer noch weit umfangreicheren Überlieferung Nachahmer findet. Die Datenbank ist in stetiger Erweiterung und Ergänzung begriffen. 2024 soll das Vorhaben zum Abschluss kommen.

Michael Stolberg

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